Dr. Anja Ross Autorin und Lektorin

Home

Lektorat

Texte

Werkstatt

Kunst

Vita

Kontakt

 

Yusuf

(Romananfang)

Prolog

Am Straßenrand pflücke ich eine noch grüne Mandel, die außen pelzig ist und so weich, dass ich einfach hineinbeißen kann. Im Mund der Geschmack der unreifen Nuss, sauer und bitter, als ich über staubige Straßen gehe, vorbei an blühenden Tamarisken. Die Fensterläden der Ferienhäuser sind geschlossen. In dieses Dorf auf der felsigen Landzunge mitten in der türkischen Ägäis kommen sonst selten Ausländer, hier machen nur Türken Urlaub, die Saison aber hat lange noch nicht begonnen. Die Fischer am Hafen schauen an mir vorbei. Nur die Frauen grüßen. Keine Kneipe hat auf, kein Fischrestaurant, keine Eisbude. Alles ist noch verbrettert. Die Tür vom Dorfladen steht als Einzige offen. Vor dem letzten Haus am Hafen ein abgeholzter Baum, ein Stumpf wie ein Dalben, das dicke Tau läuft ins Leere. Netze hängen zum Trocknen.

Am Fuß des Felsens geht der Weg weiter. Dort haben sie Asphalt über die Steinblöcke gegossen. An einigen Stellen ist der Weg vom Wasser weggerissen worden. Hinter den Felsen öffnet sich die Bucht mit dem Strand. Ein seltsames, noch unfertiges Gebäude steht dort mit einem Treppenturm nach hinten zum Garten. Die großen Balkone auf allen drei Etagen sind von Balustraden umgeben, die an griechische Säulen erinnern. Ein Haus, wie ich es kenne aus Träumen, roh verputzt und noch nicht bewohnt. Die Fensterhöhlen sind leer, nur der Wind geht dort ein und aus.

Am Strand das Roasch, Roasch, Roasch der anbrandenden Wellen, das Kirre, Kirre, Kirr der zurückkollernden Kiesel. Angeschwemmte Algen, leere Wasserflaschen und Kanister. Ein einzelner Badelatschen. Daneben der Schulp eines Tintenfisches. Ich sammele ihn auf, auch eine kleine Tonscherbe mit einem Rest grüner Glasur. Am Ende meines Weges steht eine Hütte, die erste von mehreren Verschlägen. Coelinblau blättert von der Tür und von den Fensterläden. Hinter dem Fliegengitter erkenne ich vage alten Hausrat, der am Boden herumliegt. Möbel, abgestellt, an die Wand gelehnt. Unter dem Vordach aus Bambus steht ein längliches Brettergestell. Es ist zu breit für eine Bank und hat keine Lehne. Dennoch hat es die richtige Höhe für den Tisch daneben.

Das Holz des Tisches hat Risse. Die Hitze der ägäischen Sonne hat ihre Spuren hinterlassen und der Regen hat das weiche Holz zwischen den Graten der Jahresringe ausgewaschen. Dazwischen Kerben von einem Messer. Wo die Schublade war, ist ein Loch.
Wer hat hier früher gelebt? Was für eine Geschichte erzählt dieser Ort? Ich setze mich an den Tisch, fahre mit dem Finger über die Kerben im Holz und fange an zu schreiben.
Zwischen den Sätzen fällt mein Blick aufs Meer. Das dunkle Türkis am Ufer geht am Horizont über ins Schwarzblau. Aus dem Dunst löst sich eine Insel, sie leuchtet für Augenblicke in der Sonne auf. Dann versinkt sie wieder ins Vage, Ungreifbare. Es ist Lesbos.

Was ich geschrieben habe, stecke ich in die Jackentasche und mache mich auf den Rückweg. Von Ferne sehe ich das Haus auf dem Felsen am Meer liegen, in dem ich zu Gast bin bei den beiden türkischen Frauen. An ihrer zerbeulten roten Trainingshose erkenne ich Naime vor dem Haus, die Jacke bläht sich im Wind. Sie hält eine Angelschnur ins Wasser.
Eine schwarze, schmale Silhouette kommt mir entgegen. Ihre Tochter Asra. Sie winkt mir zu. Schnell und zielsicher setzt sie ihre Füße zwischen die Steine auf dem Weg, sie läuft, sie springt, ihr Gang ist fast ein Tanz, die Hüften wiegen sich, ihre enganliegenden Hosen zeichnen dabei die Linien ihres Körpers nach.

Später liegt der Fisch gebraten auf meinem Teller. Rote Meerbarben hat Naime gefangen. Sie kommt aus der Küche, die Wangen im runden Gesicht glühen noch vom Kochen. Sie trägt eine Schüssel mit Salat und Oliven, nickt mir zu, ein verschmitztes Funkeln blitzt auf in ihren braunen Augen, sie sagt etwas, das ich nicht verstehe.
„Guten Appetit!“ dolmetscht Asra.
Sie sprechen türkisch am Tisch, ich höre den Klang der fremden Sprache, folge dem Mienenspiel der Gesichter. Asras schmales Gesicht, die lange, gebogene Nase, die in leichtem Schwung übergeht in die Stirn. Das Haar hat sie hochgesteckt, nur einzelne braune Locken lösen sich und fallen ihr auf die Schulter. Schließlich schaut Asra zu mir herüber, sie fragt in ihrem guten Deutsch:
„Und was gibt es Neues aus Deutschland?“
„Ich soll euch von Gunda grüßen.“
Asras Augen leuchten auf, ich erzähle von unserer gemeinsamen Freundin.
„Wollte dein Mann nicht mitkommen?“ fragt Asra.
Ich schlucke ein Stück der roten Meerbarbe herunter. Und meine Angst. „Konnte nicht“, sage ich nur und lege die Mittelgräte an den Tellerrand. Vielleicht ist es richtiger, dass er nicht wollte. Dabei denke ich an seine immer neuen Ausflüchte. Aber das sage ich nicht. Hole lieber die Tonscherbe aus meiner Hosentasche und zeige sie Asra.
Die ist antik“, sagt sie. „Davon gibt es sehr viele auf der Insel drüben. Man findet sie immer wieder am Strand. Aber du darfst sie nicht mit nach Deutschland nehmen, das ist verboten.“
Naime bietet mir Brot an.
„Efes ist nicht weit, du weißt?“, sagt Asra. „Man fährt mit dem Auto eine gute Stunde.“
Ich nicke. Ephesos mit dem großen Amphitheater. Postkarten, auf denen Touristen sich an korinthischen Säulen vorbeidrängen.

In fließendem, fast akzentfreiem Deutsch erzählt sie mir: „Hier an dieser ägäischen Küste, die heute zur Türkei gehört, haben dreitausend Jahre lang Griechen gelebt. Nach dem Türkisch-Griechischen Krieg sollten sie plötzlich alle weg. Ich lese gerade einen Roman von Yasar Kemal, „Die Ameiseninsel“. Es ist eine schreckliche Geschichte. Ich kann fast nicht weiterlesen. Mich macht das sehr traurig. Vielleicht, weil ich viele Menschen kenne, die das erlebt haben, mir davon erzählt haben. Alle Griechen, die hier gewohnt haben, wurden in Smyrna auf Schiffe geladen und nach Griechenland gebracht. Der einzige Arzt hier im Dorf war Grieche. Als er nicht mehr da war, wussten die Leute nicht, wohin sie gehen sollten, wenn sie krank waren. Es gab keine Schmiede mehr hier, keinen, der ... Wie nennt man die, die Seile machen?“
„Seiler hießen die damals.“
„Seiler war nicht mehr da, die Fischer konnten keine neuen Taue für ihre Boote kaufen. Viele waren mit griechischen Fischern befreundet gewesen. Kemal erzählt in seinem Buch eine Geschichte, die könnte genauso aus unserem Dorf stammen. Sie handelt von einem Fischer, der bei einem griechischen Kapitän gelernt hat. Jahrelang war er mit ihm fischen gefahren. Und dann musste der Kapitän plötzlich gehen. Er hat dem Fischer sein neues, schönes Boot einfach geschenkt.
„Einmal“, sagt Asra, „traf ich einen griechischen Mann auf der Straße, der suchte sein Haus, das er damals verlassen hatte, er konnte es nicht wiederfinden. Ich habe ihm geholfen zu suchen, doch es war nicht mehr da.“
Naime seufzt, sie versteht, was Asra auf Deutsch zu mir sagt. Doch sprechen kann Naime nur ein paar deutsche Brocken. Sie steht auf und trägt die leeren Fischteller in die Küche. Asra aber erzählt weiter:
„Umgekehrt mussten alle Türken, die lebten in Griechenland, hierher kommen. Mein Großvater wohnte in Saloniki. Das war seine Heimat, die er geliebt hat, die konnte er nicht vergessen. Als er mit Familie hier ankam, hatten sie nichts. Sie bekamen ein Haus zugeteilt am Hafen, einen Garten, wo sie Gemüse anbauen konnten.“
Asra zieht ein dickes Album aus dem Schrank, blättert darin, zeigt mir Fotos.

Und plötzlich sehe ich den Tisch vor der Hütte am Meer, den Tisch, an dem ich gesessen und geschrieben habe. Auf dem Foto sehe ich einen alten Mann dort sitzen, sein Arm hängt von der Tischkante herab, eine große, schwere Hand, müde von der Arbeit.
„Wer ist das?“
„Das ist Yusuf. Mein Großvater“.

Es ist Yusufs Tisch, seine Hütte. Und als ich den beiden erzähle, dass ich dort am Morgen gesessen und eine Geschichte angefangen habe, sagt Asra: „Du kannst gern über unsere Familie schreiben.“
Naime nickt. „Natürlich. Schreib.“
Ohne, dass ich es vorhatte, habe ich eine Geschichte gefunden, die Geschichte von Yusuf und seiner Frau, seiner Kinder und Enkel.

Nun sehe ich mir das Foto genauer an. Das Brettergestell diente als Diwan, die Großmutter hat einen Teppich darüber ausgebreitet. Sie sitzt darauf in geblümten Pumphosen, die Beine im Schneidersitz. Ihre nackten Füße sind faltig und rissig, haben Hornhaut unter den Sohlen vom Barfuß-Laufen. Der altrosa Pullover ist am weiten Ausschnitt mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt, darunter zeichnen sich hängende Brüste ab. Sie hat ein weißes Kopftuch um die Haare gewickelt.
„Das Kopftuch hat sie bei der Arbeit gegen die Sonne getragen, nicht aus religiösen Gründen. Die meisten Frauen im Dorf machen es so. Aber wir haben nie eins angehabt, auch Naime nicht. Als sie ein Mädchen war, hat das keiner von ihr verlangt und später lebten wir in der Stadt, da war sowieso alles anders.“
 Ich betrachte auf dem Foto das runde, braungebrannte Gesicht von Asras Großmutter Gülsüm, ein reifer, schon runzeliger Apfel. Sie blinzelt in die Sonne. Der Mund trotz des Alters noch voll, ist leicht geöffnet, als würde sie etwas erzählen.
Und Yusuf sitzt da am Tisch mit den Rissen und Kerben. Sein schmales Gesicht ist wettergegerbt von der Arbeit im Freien. Furchen ziehen sich quer über die niedrige Stirn. Um die Augen hat er viele Lachfalten.
Nun kann ich es mir vorstellen, wie Yusuf dort unter dem Bambusdach sitzt und aufs Meer hinausschaut, hinüber nach Lesbos, der griechischen Insel.

 

1

Am Morgen sollten sie am Hafen in Saloniki sein. Die Familie stand dicht beieinander: Yusuf spürte neben sich die runde Schulter der Mutter, sie hielt seine kleine Schwester an der Hand, die aufgeregt von einem Bein aufs andere trat. Vater Selim schwieg, sein Gesicht steinern, neben ihm sein ältester Sohn, der auf den Vater einredete. Yusuf sah, dass immer mehr Menschen kamen. Wie viele mögen es gewesen sein, einige Hundert, tausend? Sie durften nicht viel mitnehmen. An der Absperrung mussten manche Familien Teile ihres Gepäckes zurücklassen.
„Dafür ist kein Platz! Das geht nicht! Ihr bekommt alles, was ihr braucht in eurer Heimat“, sagte man ihnen. Heimat? Was war das? Sie waren doch hier zu Hause, seit er denken konnte. Warum sollten sie von hier fort? Yusuf begriff nicht, warum er Abschied nehmen sollte von all dem.

Es war ein großer, blauer Frachter. Aus seinem Schornstein quoll Rauch in den Himmel. Alle standen sie an der Reling und blickten ein letztes Mal zu der Stadt hinüber, in der sie bis heute gelebt hatten. Unter den Menschen am Quai erkannte Yusuf den gelockten Schopf seines Freundes Mano, sah, dass er mit seiner roten Mütze winkte. Neben ihm stand seine Familie. Die Nachbarn bis heute. Manos ältere Schwester. Ihr Gesicht klein, winzig klein. Yusuf hatte nie gewagt, ihr zu gestehen, dass ... Jetzt war es zu spät. Er spürte einen Kloß im Hals. Auch sie winkte. Yusuf holte sein zerknittertes Taschentuch hervor und winkte zurück. Die Mutter lehnte an seiner Schulter, er fühlte, wie das Weinen sie durchschüttelte. Der Vater starrte ans Ufer, der Mund nur ein Strich.

Ein tiefes, lautes Tuten, dann legten sie ab. Rechts der weiße Turm, das Wahrzeichen der Stadt. Die meisten an Bord starrten hoch zum türkischen Viertel an der alten Stadtmauer. Yusufs Blicke wanderten von den Häusern fort, dorthin wo es wieder grüner wurde. Dabei wusste er, dass sie ihr Haus nicht vom Ufer aus sehen konnten. Er hatte es schon manchmal vergeblich gesucht, wenn ein Fischer sie mitgenommen hatte zum Angeln. Unwillkürlich schoben sich seine Hände in die Hosentaschen. Mit der Linken umfasste er das Taschenmesser. Das hatte Mano ihm zum Abschied geschenkt. Und das Borkenstück von ihrem dicksten Olivenbaum. Mano hatte gestern versucht, etwas in die Rinde zu schnitzen, aber es ging nicht, sie war zu bröckelig.
„Komm, lass“, hatte Yusuf gesagt.
Mano aber hatte ihm seine Hand hingestreckt mit dem Borkenstück und mit seinem besten Taschenmesser.
„Da, nimm das mit!“
Yusuf hatte in seinen Hosentaschen gekramt und sein altes Taschenmesser hervorgezogen. „Es ist ziemlich stumpf, nicht so gut wie deins!“
„Macht nichts“, hatte Mano gemurmelt und es statt des eigenen in der Tasche verschwinden lassen.

Yusuf zog die linke Hand wieder aus der Hosentasche und hielt sich an der eisernen Reling fest. In der anderen Tasche hatte er eine Handvoll Sand, die er zwischen den Fingern zerkrümelte. Dabei schaute er zum Bug, sie näherten sich dem Olymp, den man von Saloniki in der Ferne aufragen sah, fast immer von Wolken verhangen. Von der See aus entdeckte er die tiefen Schluchten, unten bewaldet, oben kahl, in den Spalten Schnee. Er erinnerte sich, was sie in Heimatkunde über den Olymp gelernt hatten. Das faszinierte ihn immer wieder. Vier Gipfel sollte der Berg haben, die waren von Saloniki aus nie richtig zu sehen. Jetzt, als sie in einiger Entfernung daran vorbeifuhren, brachen die Wolken, die über dem Berg hingen, in der Mitte auf und für einen Moment sah er, wovon er sonst nur gehört hatte: Den Thron des Zeus, eine schneebedeckte Steilwand, so nach innen gewölbt, als könnte dort gut der Göttervater Platz nehmen.

Sein Bruder packte ihn an der Schulter:
„Na, was starrst du da hoch, träumst wieder von den Göttern der Griechen oder was? Schau mal da rüber!“ Er nahm Yusuf mit auf die andere Seite des Schiffes. „Weißt du, was das da drüben ist?“
Yusuf sah das Hügelland, das die weite Ebene des Flussdeltas säumte, wo die drei Flüsse mit ihren Geröllbetten ins Meer mündeten.
„Was meinst du?“
„Die beiden da drüben, diese dicken Dinger, die aus dem Flachland an der Küste ragen.“
Yusuf schüttelte ratlos den Kopf, konnte sich nicht erinnern.
„Na, sei nicht so einfallslos Kleiner, wie sehn die aus, komm, sag schon!“
Yusuf zuckte nur die Achseln.
„Bist du drei oder dreizehn, he? Was tragen die Weiber vor sich her? Die heißen Agios Mamas. – Schon der Name sagt doch, dass das Titten sind, Mann!“ zischte ihm sein Bruder ins Ohr.
Yusuf drehte sich um. Der fing wieder an zu nerven, langweilte sich wohl.
Yusuf schlenderte über Bord. Es ging auf Mittag zu, und ihm war heiß. Die Mutter hatte sie alle gezwungen, zwei Hosen, zwei Hemden, einen Pullover und eine Jacke anzuziehen. Weil sie sonst nichts mitnehmen durften. Die Jacke hatte er schon länger über dem Arm hängen, auch den Pullover zog er sich nun über den Kopf. Die Mutter fand er vorne an Deck auf dem Boden sitzend. Bänke gab es auf dem Frachter nicht. Er hielt ihr seinen Pullover und die Jacke hin.
„Kannst dich draufsetzen.“
Seine Mutter nahm die Kleidung dankbar entgegen. Denn das Deck war hart und von der Sonne aufgeheizt.
„Willst du nicht was essen, Junge?“
„Bald.“ Noch hatte er ein dringenderes Bedürfnis. Er untersuchte weiter das Schiff.

Vor den einzigen Toiletten stand eine lange Schlange von Frauen. Der Frachter war nicht eingerichtet für so viele Passagiere. Transportierte sonst nur Kisten. Yusuf ging wieder an Deck. Sah einige Männer verstohlen über die Reling pissen. Ein kleiner Junge kam ihm heulend entgegengelaufen. Der hatte eine nasse Hose, hatte nicht gewusst, dass er sich nicht auf die Luv-Seite gegen den Wind stellen darf.
Umständlich verschloss Yusuf die beiden übereinander gezogenen Hosen. Schlenderte weiter zum Heck, von wo er sehen konnte, wie die Schiffsschraube sich ins Wasser grub, Wirbel entstehen ließ und weißen Schaum, der ihre Spur säumte und weiter hinten sich wieder ins Blau verlor. Er sah den Abstand größer werden zum Land, zu seinem Griechenland, immer mehr Wasser schob sich dazwischen. Weiter zum Bug ging er vor, dort sah er nur das Meer ringsum und darüber den azurblauen Himmel. Das Ufer, zu dem sie fuhren, noch lange nicht in Sicht. Möwen kreischten über seinem Kopf, landeten an Bord, um sich die Krümel der Reisenden zu holen. Er sah unter den vielen Menschen an Deck seine Familie im Kreis am Boden sitzen, sein großer Bruder winkte ihn herbei:
„Komm her, wenn du noch was abhaben willst.“
Yusuf brach sich Brot und Schafskäse ab. Alle schwiegen, kauten nur. Yusuf fragte sich, ob die anderen auch daran dachten, dass sie jetzt den letzten Käse ihrer eigenen Schafe aßen. Und die runzeligen schwarzen Oliven. Er dachte an die vielen Liter Olivenöl, die sie in ihrer Speisekammer zurücklassen mussten. Würden die ankommenden Griechen sich freuen? Was aber würden sie selbst vorfinden? Ob sie irgendwann wieder so viel Geld verdient haben würden, um sich Schafe zu kaufen? Für den Bruchteil einer Minute überlegte er, ob er den Olivenkern, den er im Mund vom Fruchtfleisch freilegte, in seine Hose stopfen sollte, um ihn später – Unsinn! Yusuf spuckte den Kern in hohem Bogen in die Luft, eine gierige Möwe schnappte danach, ließ ihn aber enttäuscht wieder fallen.

Am Abend noch nirgends Land in Sicht. Im Osten die schmale Mondsichel, rechts daneben funkelte ein Stern auf. Sie suchten sich auf dem Achterdeck eine windgeschützte Stelle, legten sich dicht beieinander, in der Mitte die Mutter, die Schwester und Vater Selim, außen Yusuf auf der einen und sein Bruder auf der anderen Seite. Jetzt war Yusuf froh über seine zwei Hosen, den Pullover, die Jacke. Und dennoch, das Deck unterm Rücken war kalt, Yusuf drehte sich auf die Seite, spürte den Rücken seines Vaters warm von hinten. Unter den Fingern hatte er plötzlich Sand. Der rieselte ihm aus der Hosentasche. Er rieb den Sand zwischen den Fingerkuppen, schloss die Augen und dachte daran, wie er heimlich, ohne dass sein Bruder es merkte, zur Erdkuhle geschlichen war und sich eine Handvoll in die Hosentasche gesteckt hatte. Während er da lag, auf dem Deck des Frachters und fror, erinnerte er sich, wie sie als Kinder dort in der Erdkuhle beim Haus gegraben hatten. Der Bruder hatte sich den Spaten des Vaters geholt und tiefe Löcher geschaufelt. Die kleine Schwester war einmal reingefallen und hatte geschrien, weil sie alleine nicht mehr rauskam. Yusuf aber hatte dort am liebsten nach dem Regen gespielt, und weil der selten war, hatte er manchmal mit einem Topf Wasser aus der Küche nachgeholfen. Jetzt, als er daran dachte, spürte er wieder den lehmigen Geruch in der Nase, wenn sich die Erde mit dem Wasser vermengte. Hörte den Bruder über seine matschigen Hände spotten. Ihm war das egal, er liebte es damals, kleine Hütten und Ställe aus Lehm zu formen mit Stöcken als Dach. Er sah die Pinienzapfen vor sich, die neben dem Haus überall auf dem Boden verstreut lagen, seine Schafe, die in den selbst gebauten Stall kamen. Im Winter bat die Mutter ihn manchmal, Pinienzapfen zu sammeln und beim Ofen zum Trocknen zu legen. Die Zapfen knackten, wenn sie aufsprangen und die kleinen Kerne sichtbar wurden, die man herausholen und aus der Schale pulen musste. Es dauerte eine Weile, bis er eine Handvoll zusammenbekam für Mutters Kuchen. Erst recht, weil er heimlich davon naschte. Er liebte diesen leicht süßen Geschmack. Die leeren Zapfen hatte er dann meist in den Bollerofen geworfen.

Ihm war immer noch kalt. Die anderen schliefen. Aus der Jackentasche kramte er sein Taschentuch, schob die Erde mit den Fingern zusammen und wickelte sie in das Tuch, das er sorgsam verknotete. Einige Körner aber waren in die Luke neben ihm gerieselt. Wie wohl die Erde aussah dort, wo sie landen würden? Im Olivenhain oberhalb ihres Hauses war sie hellgrau gewesen und steinig. Weiter unten in der Ebene hatte sich braune Muttererde gesammelt. In den Wassergräben, wo er früher seine Borkenschiffe fahren ließ, dann dieser Moorgeruch. Aber die ockerfarbene Erde vorm Haus war ihm am liebsten, in der Abendsonne, fand er, sah sie fast aus wie Gold. „Du spinnst!“, hatte sein Bruder gemeint, als er ihm das früher einmal gesagt hatte.
Yusuf drehte sich um. Sah den dunklen Umriss seines Vaters, dessen Füße neben den seinen. Yusuf war jetzt fast genauso lang. Als er den ruhigen Atem Selims auf dem Gesicht spürte, schlief er endlich ein.

Yusuf schreckte aus dem Schlaf hoch. War das Kanonendonner? Er schaute sich um. Es dämmerte, die Sonne war noch nirgends zu sehen. Nur ein roter Frachter war Backbord in Sicht. Dann musste er das geträumt haben, dachte Yusuf. Oder hatte der Frachter drüben getutet? Die meisten an Bord schliefen noch tief. Ihn fror. Er stand auf, ging leise über Deck, zwischen den vielen liegenden Menschen, der kalte Wind auf dem Gesicht machte ihn wach. Hinter dem Schornstein im Windschutz war es etwas wärmer. Aber es war laut hier, der Boden unter ihm vibrierte. Er sah über das bleigraue Meer.

Warum hatte er von Kriegsschiffen geträumt? Weil der Mann an der Absperrung am Hafen gestern gesagt hatte, sie würden nach Smyrna gebracht? Und richtig, die Kriegsschiffe im Traum erinnerten ihn an die griechische Flotte, die er gesehen hatte, als er etwa zehn Jahre alt gewesen war. Er war mit seinem älteren Bruder eine Stunde nach Saloniki gelaufen, weil sie gehört hatten, dass die ganze griechische Flotte auslaufen sollte. Mit 13 000 Mann. Das wollten sie sehen. Und dann bestaunten sie vom Ufer aus die vielen Kriegsschiffe. Damals aber hatte er nicht gewusst, wohin diese Schiffe aufgebrochen waren und wozu. Er hatte erst in der Schule gelernt, dass sie nach Smyrna gefahren waren, um die türkische Hafenstadt zu besetzen. Und warum fuhren sie selbst jetzt dorthin? Auf einem Frachter? Der Krieg war doch zu Ende, er verstand das nicht. Als er gestern den Vater fragte, warum sie denn nach Smyrna sollen, hatte der wieder nur geschwiegen. Wie an dem Abend, als sie ihm begeistert von den vielen Kriegsschiffen erzählten, die vom Hafen in Saloniki losgefahren waren. Die Mutter aber war damals wütend geworden.
„Ihr wisst genau, dass ihr nicht nach Saloniki dürft, was kann da alles passieren. Nur wegen dieser verdammten Schiffe. Die Kriegsschiffe der Franken, die früher hier gelandet sind, haben uns auch nur Unglück gebracht.“ Yusuf hatte sich damals an keine Kriegsschiffe mehr erinnern können und hatte seine Mutter gefragt, wann denn das gewesen wäre.
„Ach du, du warst da noch klein, sechs wirst du gewesen sein, da hast du noch auf mich gehört und bist nicht einfach in die Stadt gelaufen. Ich habe euch das immer verboten, denn es ist viel zu gefährlich mit den vielen Soldaten. Das macht ihr nicht noch mal!“ Und dann war es aus der Mutter hervorgesprudelt: „Ja, nur Unglück haben die Schiffe gebracht. Die verdammten Franken und diese Engländer haben doch tatsächlich, als die Stadt brannte, das Wasser abgestellt. Und warum? Weil sie nur ihre Waffenlager am Hafen schützen wollten. Der Rest der Stadt war ihnen egal. Und so hat sich das Feuer rasend schnell ausgebreitet. Die Holzhäuser brannten wie Zunder. Den Feuerschein haben wir in der Nacht bis hierher gesehen. Und die Rauchschwaden zogen herüber. Man konnte die Fenster nicht öffnen, alles stank nach Rauch, durch sämtliche Ritzen drang der Geruch. Und eure Tante kam mit ihren Kindern noch in der Nacht hergelaufen, sie schrie nur und weinte, weil ihr Baby in den Flammen erstickt ist, das ganze Haus abgebrannt, sie besaßen nur noch die Kleider, die sie trugen.“
Selim aber, Yusufs Vater, hatte gemeint: „Mir hat der Brand viel Arbeit gebracht. So musste ich nicht wieder in den Krieg, als die Wunde von der Kugel im Arm verheilt war. Ich wurde hier gebraucht.“
„Aber ich habe jedes Mal Angst gehabt, dass dir was passiert, und war froh, wenn du wieder zu Hause warst.“
„Was weißt du vom Krieg. Der Kugelhagel ist schlimmer. Und selbst der Frost ist schlimmer als das Feuer. 90.000 Mann zu Eis erstarrt. Das habe ich gesehen, meine Liebe.“ Und dann hatte er wieder geschwiegen und nichts mehr gesagt.

Als die Sonne schon über dem Horizont stand, kam endlich Land in Sicht, erst hinten im Dunst, dann sahen sie das Ufer klarer, die langgestreckten Hügelrücken in der Ferne. Die Menschen drängten sich wieder an der Reling, unruhig, neugierig. Sie reckten die Köpfe, wollten sehen, wo sie landen würden. Doch als sie so nah waren, dass sie Einzelheiten erkennen konnten, war dort nichts als ein schwarzes Trümmerfeld, aus dem nur noch ein dünnes Minarett zum Himmel zeigte. Trümmer, soweit das Auge reichte. Das also war ihre neue Stadt, oder was von ihr übrig geblieben war. Und da begriff Yusuf, was die Kriegsschiffe, die er vor drei Jahren hatte auslaufen sehen, in dieser Stadt angerichtet hatten.

Beim Ausstiegen am Hafen blieb Yusufs Blick an den einzigen beiden Häusern hängen, die von der langen Straße am Quai übrig geblieben waren. Beim letzten Haus konnte man noch einen rechteckig vorspringenden Erker erkennen, kunstvoll verziert, die Scheiben der vielen Fenster, die einmal auf den Hafen geblickt hatten, zerbrochen. Beim Haus daneben stand nur die Hälfte der zweistöckigen Fassade, die Trümmer des Erkers lagen auf dem Bürgersteig, Rußspuren von Flammen an den schwarzen, leeren Fensteröffnungen im Erdgeschoss. Sonst am langen Quai entlang nichts als verkohlte Mauerblöcke.

Die Leute in der Stadt starrten sie feindselig an. Auf dem Weg zum Lastwagen ließ Yusuf aus Versehen seine Jacke fallen. Da fasste ihn ein Mann hart an, beschimpfte ihn und trat seine Jacke mit Füssen.
„Salonikipack“, presste er verächtlich zwischen den Zähnen hervor. Und er spuckte vor ihnen aus. „So was hat bei den Feinden gehaust. Türken wollt ihr sein? Dass ich nicht lache!“
Yusuf aber konnte nichts erwidern. Er sprach kein Türkisch. Den Mann verstand er zwar, denn manche von den alten Leuten in seinem Dorf hatten noch türkisch gesprochen. Seine Familie aber nicht. Und auch in der Schule hatten sie nur Griechisch gelernt.

Unterwegs sah er vom Lastwagen, auf dem sie saßen, die Reste einer riesigen Kirche. Statt der vielen runden Kuppeln, die sie einmal gehabt haben musste, waren nur noch leere, schwarze Krater zu sehen. Auch die Türme des gewaltigen Gebäudes samt den eisernen Glocken lagen zerborsten am Boden. Die Kirche in seinem Dorf hatte nur eine Kuppel. Lange fuhren sie so durch die verbrannte Stadt. Nur am Rand, die Hänge hinauf, sahen sie ein paar alte Häuser stehen, die in ihrer Größe und mit dem reichen Schmuck der Fassaden ahnen ließen, wie schön die alte Stadt Smyrna einmal gewesen sein musste.
Die Menschen im Dorf, wohin sie gebracht wurden, sahen nicht so finster aus, sie schauten ihnen nur seltsam traurig entgegen.

Erst nach einiger Zeit verstand er warum. Als manche von den Dorfleuten erzählten, dass sie traurig waren, weil die Griechen fort mussten. Sie hatten keinen Arzt mehr seitdem, und die Leute starben. Yusuf dachte: Unseren schwieligen Händen haben sie gleich angesehen, dass wir Bauarbeiter waren und Bauern, aber es gab keinen Arzt unter uns. Auch keinen Apotheker. Den alten Apotheker und seine ganze Familie, die Armenier waren, hatten Soldaten schon früher abgeholt. Und man hatte ihre Gerippe später im Wald gefunden, 10 Kilometer vom Dorf.
Aber auch wenn viele ihm erzählten, dass sie mit Griechen befreundet gewesen waren, war Yusuf sich nie sicher. Er verschwieg lieber, dass er aus jener Stadt kam, aus der die griechische Flotte aufgebrochen war, um gegen die Türkei in den Krieg zu ziehen.

            Veröffentlicht in: „Regen zwei Schirme“, Hrsg. Verena Weisbecker, Münster 2011, S. 165