Dr. Anja Ross Autorin und Lektorin

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Die erste Metropole im Norden

Das neu gestaltete Museum Haithabu zeigt multimedial dem Aufstieg und Fall des alten Wikingerzentrums zwischen Ost- und Nordsee

Beim Eintritt ins Museum ist das Meer präsent: Wellen tanzen über die gebrochene Projektionsfläche einer Videoinstallation. Meere und Flüsse waren zur Wikingerzeit die wichtigsten Handelsverbindungen. Der kürzeste Weg von der Nord- zur Ostsee verlief durch Treene und Eider über Haithabu an der Schlei. So entstand dort zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert ein zentraler Seehafen an der skandinavischen Grenze. Der Direktor des Archäologischen Landesmuseums Claus von Carnap-Bornstein betont: „Unser Hauptziel war die Darstellung Haithabus als einer der ersten und wichtigsten Städte Nordeuropas“. Ihre Entwicklung wird im ersten Raum durch eine 3-D-Medieninstallation dargestellt (wie überall wahlweise dreisprachig).

Über Holzbohlen – wie auf den Wegen in der alten Stadt ˗ betritt man den zweiten Raum, der dem Alltag gewidmet ist. Dort werden die handwerklichen Produkte Haithabus gezeigt, die nach ganz Europa exportiert wurden. Das eigens für die Neugestaltung aus Stuttgart geholte, museumserfahrene Planungsbüro „SPACE4“ versteht es, die ästhetischen Sinne anzusprechen: Die kunstvollen Goldschließen werden in schwarzen Vitrinen zur Geltung gebracht. Kontraste machen den Museumsgang abwechslungsreich. So findet man sich danach vor einem durchsichtig-weißen Setzkasten mit 960 Glasperlen, die in ihrer Transparenz und Farbigkeit faszinieren.

Auf dem „Schauplatz der Macht“ im dritten Raum, trifft modernste Technik „buchstäblich“ auf eine 1200 Jahre alte Kultur und lässt sie zu einem multimedialen Erlebnis werden. Auf einem Runenstein leuchten fremde Schriftzeichen auf, zugleich erklingt das entsprechende Wort in der Wikingersprache, wird ins heutige Deutsch übersetzt und damit verstehbar. Im vierten Raum steht man vor dem „Schaufenster Haithabus“, einem großen gläsernen Kubus. Hier werden durch Fundstücke aus dem Hafen Haithabus die vielfältigen Handelskontakte deutlich. Ein Karneol aus dem Kaukasus ist bewusst in der östlichen Auslage deponiert, so erläutert Museumsleiterin Ute Drews. Umstellt sind die Funde von Schautafeln zu den jeweiligen Ländern, aus denen die Waren stammen.

Den abschließenden Höhepunkt bildet die Schiffshalle, wo das aus dem Haithabuer Hafen geborgene königliche Langschiff zu sehen ist. Neu sind die auf Monitoren gezeigten Szenen auf dem Landesteg und Inseln mit Fundstücken aus dem Wasser. Faszinierend bleibt der Blick über das Wikingerschiff hinaus auf das Haddebyer Noor, das die besondere Lage dieses Museums direkt neben den Ausgrabungsstätten deutlich macht, die danach oder davor erkundet werden können.

Mit dieser gelungenen, 2,1 Mio. teuren Neugestaltung des Museums ist zu seinem 25-jährigen Jubiläum nicht nur den neuesten archäologischen Erkenntnissen Rechnung getragen worden. Es ist damit ein überzeugendes Gesamtkonzept zum Abschluss gekommen, das dem Besucher anschaulich die Zeit der Wikinger näher bringt. Zwischen 2005-2008 sind an der Stelle der früheren Stadt sieben Lehmhäuser und ein hölzerner Landesteg nach Rekonstruktionen errichtet worden. Der neugierig gewordene Museumsbesucher kann dort vor Ort sich von einem „echten Goldschmied“ zeigen lassen, wie die Schmuckstücke aus dem Museum hergestellt wurden: Für Kinder wie für Erwachsene ein besonderes Erlebnis. Mit dem hohlen Klang der Holzbohlen unter den Füßen verlässt man diesen geschichtsträchtigen Ort, wie man oben im Museum die Zeitreise in den Alltag der Wikinger begonnen hat.

Von Birgit Maixner, die das wissenschaftliche Konzept der Neugestaltung erstellt hat, ist ein Begleitbuch zur Ausstellung erschienen: Haithabu, Fernhandelszentrum zwischen den Welten.

Veröffentlicht in: mare, Juni/Juli 2010