Dr. Anja Ross Autorin und Lektorin

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steilufer

 

I.
schwalbengedanken
umschwirrn dich
sitzen im haar
wilder rosenwurzeln
nisten in lehmiger stirn
verschwinden in
tausend augenhöhlen
und keiner kann
sie dann sehn

II.
eine schwalbe
wirft sich in die luft
fliegt meerwärts und fällt nicht

aber der sand
hinter ihr rieselt
aus ihrem erdnest

die kauernden hundsrosen
festgeklammert am lehmrest
stürzen im wintersturm

wie der bunker der über
die klippen gekippt ist
und langsam versinkt

weiße wellen lecken
an seiner teerhaut
überspülen die tür

mit ihrem schiefen blick
zum steilabbruch
dir schwindelt

 

 

 

III.
die schwalben aber
wintern in wärmeren ländern
kommen im frühling zurück

und von neuem
nisten sie
in sturmzerfurchter stirn

 

 

 

IV.
der eisige sturm
hat alle schwalbennester
leergefegt

vom erdabriss baumelt
ein kabel verbindet
nichts mehr

im abgestürzten
schutzbunker klettern
kinder halten

balance auf kippendem
boden gekachelte
wand unter wasser

wer baden geht
dem wachsen
eiszapfen

 

 

 

V.
nach jahren gras
haar gewachsen
rostende stoppel
kantige beton
stirn rund
geschliffen wie
lehm mergel
wie sand
wellen im strand
hafer das gelbe

lied
der goldammer

    veröffentlicht in: Lichtungen, Hrsg. Helwig Brunner, 118/XXX Jg. 2009

 

 

 

zerstörte tafelbilder
st. marien lübeck

zwischen rippen
gewölbe tanzen
die lippen
losen vereinen
sich zum kuss
im west
werk verbrannt
 
die tür
zum markt
geschrei
im bombenhagel

    veröffentlicht in: Versnetze_sechs, Hrsg. Axel Kutsch, 2013

 

 

 

in memoriam rudolf stibill

II.
wo
ist sie
die hand
schmal
warf sie
schatten
worte

schrieb sie
oder
schreiben schatten

schattenschrift
die ich entziffere
umzingelt
  
von weiß

    veröffentlicht in: Schattenspiegel, schreibende und bildende Künstlerinnen begegnen sich. Hrsg. Margit Huch und Therese Chromik, Lübeck 1997, vertont von Bernd Kasberg Evensen, uraufgeführt bei der EXPO 2000

 

 

 

fischkind

in mir
schwimmt
ein kind
mit kiemen
 
ohrmuscheln
öffnen sich
hör
meinen lockruf
 
komm
an land


apfelbauch

wärme spüren
auf den wangen
und dem runden
apfelbauch

im gehäuse
blinzelt das kind

    veröffentlicht in: ndl, Hrsg. Jürgen Engler, 6/99, Nr. 528

 

 

 

zwischen schienen und asphalt

I.
bist im bauch
der weißen
schlange gefangen
heiß ist der eiserne
käfig die klimaanlage
defekt kein fenster
zu öffnen nur
der blick geht
hinaus zu
wäldern wo
robinien blühn
neben kupferkiefern
birken sind
ertrunken
in wasserwiesen

II.
hitze zwischen
häuserzeilen
glutofen
steinern
auf asphalt
schatten
von bäumen
feine zeichnung
im flirrenden
licht bis
chrom aufblitzt
und immer
das rauschen
der autos
im ohr

III.
am grüngürtel
suchst du
kühle luft und den fluss
unter der brücke da
aber ziehn sich
schienenstränge hin
bis zum bahnhof
die lichter
der untergrundbahn
gleiten über gleise
die brücke bebt
das kind in dir
zappelt der zug
reißt dir die beine
weg unterm bauch

    veröffentlicht in: Das Gedicht, Hrsg. Anton Leitner, Ulrich J. Beil, 1999

 

 

 

familienurlaub

bei abfahrt des zuges
greift das baby
nach busemanns
bussy drink schüttet
sich das grüne wasser
eis des bruders
über die brust
geschrei stereo
 
du angelst nach neuen
klamotten im koffer
kaum umgezogen
kackt das kleine
während des windelns
im großraumabteil
werfen die mitreisenden
schiefe blicke

das kind kann nicht trinken
mir bersten die brüste
pumpe meine muttermilch
ins zugklo
endlich angekommen
kinderwagen koffer
käscher und schaufeln
vom bahnsteig schleppen

    veröffentlicht in: Das Gedicht, Hrsg. Anton Leitner, Michael Augustin, 2013